head

Die Orgeln des Münsters St. Georg

Die Hauptorgel | Gedanken zum Neubau
 
- Einige Gedanken zum Neubau der Orgel für das Münster St. Georg in Dinkelsbühl von OBM Christoph Glatter-Götz

Es ist eine große und ehrenvolle Aufgabe, eine Orgel für eine Kirche von derBlick in das Hauptwerk der Rieger-Orgel Schönheit und der Bedeutung des Münsters St. Georg zu entwerfen, zu planen und zu bauen. Mehr als irgendwo sonst spürt man an einem solchen Ort bei jedem Planungsschritt und jedem Handgriff die Verantwortung vor der Kulturgeschichte. Noch intensiver als sonst wird man sich mit der Frage auseinandersetzen, wie diese Orgel klingen, wie sie aussehen und wie ihre Technik beschaffen sein soll.
Die Frage nach der Art des Klanges hätte vor einigen Generationen noch gar niemand gestellt. Regionale Traditionen beherrschten das Musikgeschehen, dem entsprachen die Instrumente. Deshalb hatte jede Region ihren eigenen Instrumententypus: Nicht nur unterscheidet sich eine italienische Orgel grundlegend von einer französischen oder einer deutschen, ebenso unterschiedlich waren nord- und süddeutsche Orgeln mit allen regionalen Spielarten dazwischen. In all diesen Regionen entwickelte sich die jeweilige Orgel entsprechend der Musik der jeweiligen Epoche.
Aber irgendwann wurden die Organisten mobiler. Sie lernten die Musik und die Instrumente anderer Länder kennen und begannen, nicht nur eigene Werke zu spielen, sondern auch die ihrer Vorfahren. Heute sind wir es gewohnt, jegliche Musik aus allen Epochen und Ländern zu spielen und zu hören. Das stellt natürlich ganz neue Anforderungen an die Instrumente. Eine Orgel kann nicht gleichzeitig » norddeutsch-barock« und »französisch-romantisch« sein, man wird also nie auf ein- und demselben Instrument alle Stilrichtungen »authentisch« wiedergeben können. Vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig. Haben sich denn nicht auch unsere Hörgewohnheiten geändert? Ist es nicht wichtiger, dass die Orgel ein in sich geschlossenes Ganzes mit einer eigenen Persönlichkeit bildet, die es ermöglicht, die Musik der verschiedensten Stilrichtungen wiederzugeben, nicht im «authentischen Klang«, sondern in der Sprache unserer heutigen Zeit? Gerade darin liegt doch ein großes Potential für Kreativität, für lebende Kirchenmusik in einer lebendigen Liturgie.
Die Analogie drängt sich auf: Die Liturgie ist in ihren Grundformen uralt, wir feiern sie aber heute in unserer heutigen Sprache und mit unseren heutigen Ausdrucksmitteln. Der prinzipielle Klangaufbau der Orgel mit seinen Prinzipalen, Flöten, Streichern und Zungenregistern, verteilt auf Hauptwerk, Positiv, Schwellwerk und Pedal ist zwar unvergleichlich jünger, für uns jedoch auch schon Tradition. Das hindert uns aber nicht, darin auch die Sprache unserer heutigen Zeit zu finden.
Dasselbe gilt nicht nur für die Architektur der Orgel, sondern auch für deren Technik: Gebaut nach dem klassischen Prinzip der mechanischen Schleiflade, unterscheidet sie sich in ihren Funktionsweisen kaum von einer Barockorgel: Die Verbindung von den Tasten zu den Ventilen unter den Pfeifen ist mechanisch, so dass der Organist die Ansprache der Pfeifen durch seinen Anschlag beeinflussen kann. Auch die Betätigung der Register geschieht mechanisch und von Hand. Die Orgel hat ein geschlossenes Gehäuse, welches den Klang der Pfeifen bündelt und in den Kirchenraum projiziert. Neu ist jedoch die Technik dieser Mechanik, die ein besonders leichtgängiges und sensibles Spiel erlaubt, die äußerst geräuscharm funktioniert und dies auch unter starken Witterungseinflüssen, wie sie in Kirchenräumen immer wieder vorkommen.
Auch die Elektronik hat in die Orgel Einzug gehalten: In einen kleinen Computer können die Registrierungen, die der Organist benötigt, gespeichert und auf Knopfdruck abgerufen werden. Hierfür waren früher ein bis zwei Registranten notwendig, heute ist der Organist unabhängig und damit wesentlich flexibler.
Der Spieltisch ist nicht in den Orgelfuß eingebaut, sondern er steht frei in der Mitte der Empore, so dass der Organist von hier aus den Chor leiten kann. Außerdem hat er in dieser Position einen besseren Gesamteindruck vom Klang der Orgel. All dies mag sehr technisch klingen und natürlich hat der Orgelbau viel mit Technik zu tun. Das Ziel ist aber nur dann erreicht, wenn man von eben dieser Technik nichts sieht und - vor allem - nichts hört. Denn die Orgel soll weniger den Verstand ansprechen als vielmehr unser Herz!

 

Die Hauptorgel | Gedanken zum Neubau
 

(Sämtliche Bilder auf o.g. Seiten: ©Michael Routschka/privat)