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5. Fastensonntag im Lesejahr A: Wenn der Verwesungsgeruch uns um die Nase weht
5. Fastensonntag A: Joh 11,1-45

Ein ärgerliches Evangelium begegnet uns da heute: Drastisch lässt es uns den Verwesungsgeruch um die Nase wehen, wenn es Marta sprechen lässt: „Herr, er riecht aber schon!“, was ja nur unterstreichen soll, dass Gotthilf, der Bruder von Maria und Marta – und Lazarus, Eleazar heißt ja übersetzt ‚Gotthilf – Gott hilft’, dass der also wirklich, ganz bestimmt tot war und nicht etwa scheintot, wie man meinen könnte.
Ärgerlich, zumindest zynisch scheint auch das Verhalten Jesu, wenn er erfährt, dass Lazarus todkrank ist. Wir würden doch zu recht erwarten, dass er gefälligst seine Füße unter den Arm nimmt und schnellstens seinem Freund zu Hilfe eilt. Aber nein, ausdrücklich heißt es, er wartet noch zwei Tage. Anscheinend wartet er extra so lange, dass Lazarus stirbt, um dann ein Exempel statuieren zu können, um dann ein Demonstrationsobjekt für seine Totenerweckungskünste zu haben. A bissl zynisch, wenn man die Qualen der Trauer von Maria und Marta bedenkt.
Wenn wir das Evangelium aber so verstehen würden, dass wäre das ein Missverständnis, so wie im Evangelium ja auch dauern Missverständnisse vorkommen und Jesus und alle aneinander vorbeizureden scheinen: zuerst verstehen ihn die Apostel miss, wenn sie meinen, Jesus spräche vom gewöhnlichen Schlaf, als er sagt, dass Lazarus nur schläft. Dann versteht ihn Marta miss, wenn sie meint, Jesus spricht von der Auferstehung am Letzten Tag, dann verstehen die Zuhörer Maria miss, weil sie meinen, sie wolle zum Grab gehen, dabei geht sie doch zum Leben, zu Jesus. Dann missverstehen die Juden Jesus, wenn sie denken, er weint aus Mitleid um Lazarus. Dabei weint er doch über ihren Unglauben. Wenn es von Jesus ausdrücklich heißt, dass er innerlich errecht war, dann doch nicht aus Mitleid mit Lazarus, sondern die innerliche Erregung ist der Groll gegen den Unglauben der Umstehenden, eine nachösterliche Erklärung dafür, weshalb die Juden im Großen und Ganzen nicht zum Glauben gekommen sind, weil sie sich eben ständig irren, weil sie Jesus missverstehen. Und schließlich irren sich auch die für das Messbuch Verantwortlichen der Kirche, wenn sie am heutigen Tag in der Präfation die Priester beten lassen, dass es doch ein besonders menschlicher Zug von Jesus sei, weil er über den Tod des Freundes weint. O nein, Jesus weint nicht über den Tod des Freundes, hätte ja auch gar keinen Sinn, wenn er weiß, dass er ihn eine Minute später auferweckt. Nein, Jesus weint über den Unglauben derer, die nicht zum Glauben kommen. Wir brauchen nicht über den Tod unserer Verstorbenen zu weinen, sondern über den Unglauben der Lebenden!
Lauter Missverständnisse! Ein Evangelium voller Missverständnisse. Jetzt kommt’s nur drauf an, dass wir keinem Missverständnis hinsichtlich des Glaubens unterliegen! Das Missverständnis beispielsweise, dass es reicht, halbherzig zu glauben, den Glauben zur Garnierung von Lebenswenden zu gebrauchen, weil er ein paar Festchen mit sich bringt; das Missverständnis, den Glauben nicht ernst nehmen zu brauchen.
Liebe Schwestern und Brüder, wir werden die Freude am Glauben, die tiefe Erfüllung, die der Glauben uns schenken kann, eine viel tiefere Erfüllung als alle Spaßangebote, die uns diese Welt zu bieten hat, wir werden das nur spüren und auch erleben können, wenn wir den Glauben ganz ernst nehmen, wenn wir Jesus, die lebendige Wirklichkeit Gottes in unser Leben wirklich hineinlassen und den Glauben nicht nur als reinbürokratisch-sachliche Sache sehen. Alles andere ist ein Missverständnis, etwa wenn ich meine, für den Glauben würde es genügen, von der Existenz eines höheren Wesens theoretisch überzeugt zu sein. So eine theoretische Überzeugung wird mir keine Erfüllung schenken können. Diese Annahme wäre ein Missverständnis.
Das Evangelium verstehen wir nur dann richtig, wenn wir es gar nicht als Wunder-, als Mirakelgeschichte verstehen, sondern als Glaubensgeschichte, denn um den geht es. Das zeigt uns ja schon die Verbindung zum Lukasevangelium, wo auch dieser Lazarus, dieser Gotthilf vorkommt(sonst nicht in den beiden anderen Evangelien!) und wo es doch darum geht, dass der reiche Prasser darum bittet, dass der gestorbene Lazarus wieder ins Reich der Lebenden zurückkehren soll, um seine Verwandten zu warnen, damit nicht auch sie an den Ort der Qual kommen, denn, so ist der reiche Prasser überzeugt, wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren, worauf Abraham sagt: Wenn sie auf die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht“. Und hier in unserem heutigen Evangelium, da geschieht es, da steht dieser Lazarus doch von den Toten auf. Und wenn wir genau hinschauen, dann ist es doch Jesus, der von den Toten aufersteht.
Ob wir uns davon überzeugen lassen, oder ob wir das Handeln Gottes in unserer Welt, in Jesus, missverstehen und damit dem Abraham nachträglich recht geben würden, das liegt ganz allein an uns. Ob wir uns also vom Evangelium zu einem lebendigen, tiefen, praktizierten Glauben einladen lassen, oder ob uns der Verwesungsgeruch eines abgestorbenen Glaubens um die Nase weht, das liegt ganz allein an uns!
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