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16. Sonntag A (Mt 13,24ff): Selektive Wahrnehmung
Jeder, der einen kleinen Gemüsegarten hat, weiß das: dem Unkraut muss man hinterher sein. Als ich in meiner letzten Pfarrei einen richtigen Bauerngarten hatte, ist der mir echt zur Last geworden, weil ich immer den Eindruck hatte: Des Unkraut wächst viel schneller als Gemüse und Salat. Während Gemüse und Salat manchmal eher mühevoll wachsen, des Unkraut gedeiht einfach viel prächtiger. Man kommt einfach nicht nach mit der Unkrautbekämpfung.
Mit der Kirche ist es genauso. Da gedeiht neben dem, was Jesus so angebaut hat, auch allerhand Unkraut. Da gibt es Kirchenmitglieder, oft auch Priester, die sich verfehlen und zum Ärgernis werden und zwar derart, dass man versucht ist zu sagen: Also, wenn es in dem Acker des Reiches Gottes so was gibt, wenn da auch so ein furchtbares Unkraut wuchert, dann kann doch der ganze Acker nichts taugen, dann trete ich aus dem Acker einfach aus.
„Schmarrn“, sagt Jesus: „Des is doch ganz normal. Des heißt, des is zwar ärgerlich, dass da Unkraut wuchert, aber man muss damit rechnen.“ Also Jesus selber rechnet schon damit, dass der Acker, auf dem ER gesät hat, dass da auch Dinge wachsen, die da eigentlich gar nicht hingehören. Das gibt uns eine gewisse Gelassenheit, wenn es Jesus schon so gegangen ist.
Geduld zu haben mit dem Bösen: das ist eine gewaltige Herausforderung für uns! Sollen wir das Böse wirklich dulden?
Das meint Jesus sicher nicht: Das wäre eine falsche Art von Toleranz, sich mit dem Bösen abzufinden oder es gar als gegeben hinzunehmen. Auch heute in einer zunehmend orientierungsloseren Zeit ist die klare Unterscheidung der Geister notwendig, wo man klar sagen muss, was gut und böse ist, auch wenn es heute vielfach verdreht wird und alles als gleich gültig und richtig betrachtet wird, je nach subjektivem Belieben.
Mit der Vertagung des Unkrautausreißens auf das Ende fordert Jesus auf alle Fälle von uns, nicht selber Gericht zu spielen, sondern ein endgültiges Urteil ihm zu überlassen und noch auf die Bekehrung des Bösen zu hoffen.
Und noch vor einer Versuchung bewahrt uns dieses Gleichnis: vor der Illusion einer Kirche der Reinen. Das hat es in der Kirchengeschichte ja immer wieder gegeben: Die Meinung, die Kirche sei so verderbt, dass man sich von ihr trennen müsse, um die eigene Reinheit zu bewahren. Die Katharer etwa waren so eine Bewegung.
Sicherlich, das Böse innerhalb der Kirche ist immer ein Ärgernis, aber eine Kirche der Reinen wäre eine Illusion, weil sie es eben nicht mehr wäre, wenn ich dazu gehören würde.
Und vielleicht ist es ja wie mit meinem Bauerngarten: weil ich sowieso keine große Lust an der Gartenarbeit hatte und mir der Garten relativ wurscht war, hab’ ich halt eher das Unkraut in den Blick genommen und mich mehr darüber aufgeregt. So machen es manche auch mit der Kirche: weil sie sowieso nicht viel Freude am Glauben haben, sehen sie an der Kirche hauptsächlich nur das Negative, das Unkraut statt das Positive. Selektive Wahrnehmung nennt man das, gesteuert von der eigenen Grundeinstellung.


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