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1. Advent
Letzte Nacht hatte ich einen Traum: Nach langem Drängen hatte die Kirche jetzt endlich vergangene Woche beschlossen, sich der Zeit anzupassen: nicht länger will man an etwas Altem festhalten, was die ganze Welt schon überwunden hat: Ab sofort ist daher auch in der Kirche – wie in der übrigen Welt- die Adventszeit abgeschafft. Welchen großen Sinn hat sie auch schon gehabt?
Die zeit vor Weihnachten brauchen wir also nicht mehr Adventszeit zu nennen: wir dürfen uns dem säkularen Sprachgebrauch anpassen und schon jetzt von der Weihnachtszeit reden und brauchen auch nicht mit der verschämten Vorsilbe „vor“ bei dem Wort „Vorweihnachtszeit“ uns noch an die alte Zeit erinnern. Wir sollten auch schon jetzt die Kerzen der Christbäume – Verzeihung- der Weihnachtsbäume anzünden, massenhaft Glühwein trinken und im Überdruss Plätzchen und Lebkuchen essen, die uns dann an Weihnachten selbst schon wieder zum Hals raus hängen. Zu was denn auch eine kärgliche Adventszeit, wenn wir doch eigentlich schon jetzt Jingle Bells und das rührselige „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen können.
Warten können – wozu, wenn ich doch alles schon jetzt und sofort haben kann? Das heute alles – und vor allem Gott- in den Schatten stellende Lustprinzip suggeriert uns: ja nicht warten, ja nichts versäumen, nur ja keine Anspannung aufkommen lassen. Wozu sollten wir erst mühsam eine Kerze nach der anderen entzünden, wenn man doch gleich den ganzen Weihnachtsbaum entzünden kann?
Und doch berauben wir uns dabei tiefer Erfahrungen: Wenn ich alles und jedes sofort bekommen kann, verliert es seinen Wert. Wenn die Spannung verloren geht, verliert alles seinen Glanz, selbst Weihnachten. Manchmal muss man sich erst etwas vorenthalten, damit der Geschmack dann umso intensiver wird. Es ist wie beim Essen: Wenn ich jeden Tag meine Leibspeise esse, werde ich bald den Geschmack dran verlieren. So ist es auch mit der Erlebnis des Weihnachtsfestes: Wenn ich in den vier Wochen vor Weihnachten schon so tue, als ob Weihnachten wäre, dann finde ich an Weihnachten selbst keinen Geschmack mehr d’ran – dann muss möglichst alles sofort wieder weggeräumt werden.
Unsere konsumorientierte Welt kann natürlich die adventliche Spannung nicht zulassen, weil das ja auch Konsumverzicht bedeuten würde. Aber ohne diese Spannung plätschert unser Leben halt so dahin, oberflächlich, ohne Tiefgang, orientierungslos, leer. So wie der Bogen eines Bogenschützen manchmal eine Spannung braucht, damit er zum Höhepunkt kommt und der Pfeil sein Ziel erreicht, braucht auch unser Leben solche Zeiten, die helfen, dass Platz geschaffen wird für geistliche Erfahrungen. Für die Sehne eines Bogens mag es zwar bequemer sein, einfach so durchzuhängen, aber sie hat dann nicht ihren Sinn erreicht. Wir betrügen uns um wichtige Erfahrungen, wenn wir uns nicht in eine heilsame Spannung versetzen lassen. Wie ganzheitlich das Denken der Menschen früher war, zeigt sich auch daran, dass früher, ganz früher, mit dem Kathreinstanz die ausgelassene Zeit des Tanzens unterbrochen wurde, weil der Verzicht aufs Tanzen einfach auch als hilfreicher Spannungsaufbau auf Weihnachten hin empfunden wurde.
Dass wir uns recht verstehen: Die Adventszeit will uns nicht die Freuden des Lebens nehmen, sondern helfen, die Freude des Lebens tiefer zu erfahren.
Die Adventszeit ist eine Chance – ob wir sie nutzen, liegt an uns.
Der Traum letzte Nacht von der Abschaffung des Advent: es war ein Alptraum!
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